Kommunale Wirtschaftsförderungen brauchen Spezialisten
Fehlende Zukunftsstrategien – Tourismusbudgets überproportional
Dortmund – Die Aufgaben der Wirtschaftsförderung verändern sich nachhaltig. Das sagen zwei Drittel von 331 Antworten von Wirtschaftsförderungen in ganz Deutschland*. Über die Hälfte der Wirtschaftsförderungen (56,2 Prozent) will ihre Organisation umstrukturieren. Spezialisierte Kräfte seien gefragt, um die Unternehmen des Wirtschaftsstandorts Deutschland nach einem Jahr Lockdown gezielt zu unterstützen (45,8 Prozent). Die Befragung führte die Dortmunder Strategieberatung für Kommunen, LennardtundBirner GmbH, vom 27. Mai bis 15. Juli 2021 durch.

Die klassischen Aufgaben der Wirtschaftsförderung wie Bestandskundenbetreuung bleiben. Verändern wird sich jedoch vor allem die Kommunikation mit den Kunden. 75,6 Prozent der Wirtschaftsförderer nutzen dafür stärker die Möglichkeiten moderner digitaler Kommunikation. Videokonferenzen gehören seit Corona zur täglichen Arbeit, auch nachdem Treffen wieder möglich sind. Zu Themen der Digitalisierung wird der höchste Weiterbildungsbedarf gesehen.

Nur 38,7 Prozent handeln strategisch
Die Herausforderungen an ihrem Standort gehen aber nur 38,7 Prozent der Wirtschaftsförderungen strategisch an. Auch für wichtige Betreuungsthemen wie Gewerbeflächenmanagement (57 Prozent) und Innovation (52,5 Prozent) hat die Hälfte noch kein klares Konzept, aus dem sie zukünftige Handlungen ableitet. Mehr als ein Viertel der befragten Wirtschaftsförderer hat keine Vermarktungsstrategie für ihren Wirtschaftsstandort. „Wir stellen leider fest, dass Standortmarketing oft beim schönen Logo und Slogan anfängt und dort auch endet. Wenn beides nicht den gewünschten Erfolg bringt, wird alle paar Jahre erneut viel unnötiges Geld in neue Designs investiert“, so Dr. Birner. „Langfristigen Erfolg haben jedoch nur Standorte, die ihre Alleinstellungsmerkmale kennen, schärfen und darauf aufbauend eine eindeutige Vermarktungsstrategie ableiten. Das geht nur mit einer ehrlichen Analyse der Fakten“, so LennardtundBirner-Geschäftsführer Dr. Thomas Birner.

Tourismusvermarktung versus „andere Wirtschaft“
Nur 11,7 Prozent der Wirtschaftsförderungen haben ein gemeinsames Marketingbudget mit den Tourismusorganisationen. Von diesen gaben 38,5 Prozent an, dass das Tourismusbudget höher ist als das Budget für die Vermarktung des gesamten Wirtschaftsstandorts. Das entspricht nicht dem Verhältnis in der Bruttowertschöpfung zur Gesamtwirtschaft. Diese lag 2015 nach Zahlen des Deutschen Tourismusverbandes bei 3,9 Prozent, der Anteil der Arbeitsplätze aus dem Tourismus bei 6,7 Prozent. „Der Einzelbranche Tourismus steht im Verhältnis also deutlich mehr Marketingbudget zur Verfügung als anderen Branchen“, so Dr. Birner.

Gewerbeflächen: Starke Nachfrage
Die interkommunale Zusammenarbeit wird vor allem bei Gewerbeflächen wichtiger. 68 Prozent der Kommunen gehen hier Kooperationen ein. Das gemeinsame Vorgehen ist wohl der Flächenknappheit und neuer Vorgaben aus der Politik zum schonenden Umgang mit Flächen geschuldet. 55,5 Prozent der Wirtschaftsförderer sind überzeugt, dass die Nachfrage nach Flächen weiter steigt. Mehr als zwei Drittel können den genauen Bedarf allerdings nicht abschätzen. Von weniger als einem Drittel der Wirtschaftsförderungen (32,7 Prozent) werden Flächen nach festen Kriterien vergeben, 20,2 Prozent beugen sich bei der Vergabe von Flächen dem politischen Willen. „Wer nur wenige Flächen zu vergeben hat braucht eindeutige, neutrale Vergabekriterien, zugeschnitten auf den Standort. Haben Wirtschaftsförderer diese nicht, sind sie gegenüber Unternehmern und der Politik in permanenter Erklärungsnot“, betont LennardtundBirner-Geschäftsführer Jörg Lennardt.

Keine Innovationsstrategie und Nutzen von Fördermitteln
Fördermittel für Unternehmensinnovationen am Standort stellen Bund und Länder in großen Summen bereit. Die Befragten nutzen sie allerdings spärlich. 79,1 Prozent gaben an, nicht auf Programme wie Horizon, RegioWin oder ZIM zurückzugreifen und den Wissenstransfer vor allem über Netzwerke und Veranstaltungen zu ermöglichen. „Die Wirtschaftsförderungen zu ermutigen, ihre Unternehmen bei Innovationen zu unterstützen, entscheidet mit über die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland“, ist Jörg Lennardt überzeugt. Sehr positiv sieht er die Zusammenarbeit der Wirtschaftsförderungen mit ihren Innovationszentren. Zwar verfügen nur 31,3 Prozent über eigene Zentren, doch 95,3 Prozent von ihnen arbeiten eng mit diesen zusammen. Allerdings kontrolliert mehr als die Hälfte den Erfolg ihres Innovationszentrums nicht regelmäßig. Jörg Lennardt: „Vor der Erfolgskontrolle sollten sich Verantwortliche nicht scheuen. Innovationszentren brauchen eine Strategie bezüglich Rentabilität, Zielgruppen und Vermarktung. Nur so gelingt der Innovationstransfer und können Innovationszentren ohne große Verluste erfolgreich betrieben werden.“

*Die Fragen wurden nicht von jedem/r Teilnehmer:in beantwortet, da es sich auch zum Teil um Filterfragen handelte. Die genaue Zahl an Antworten für die jeweilige Frage entnehmen Sie bitte dem zum Download bereit gestellten Foliensatz.

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